Uns interessiert zunächst die Frage: Warum nutzen Menschen seit 2007, seit es also das iPhone gibt, ein technisches Gerät weltweit auf die gleiche Weise, über Altersstufen und Sprachgrenzen hinweg? Ein Marketingtrick allein erklärt das nicht. Ein Gerät, das im ländlichen Ostafrika genauso benutzt wird wie in München, Shanghai oder New York, muss in uns Menschen etwas Grundlegendes ansprechen. Das führt uns zu einer Passung von Technik und Biologie, das führt uns zum Ursprung unserer menschlichen Biologie, und der heißt kindliche Entwicklung. Und hier sehen wir in den ersten Lebensmonaten: Ein Kind kann zeigen, bevor es „Mama“ und „Papa“ sagen kann, die Umwelt versteht das Zeigen sofort. Das ist frühe Biologie der Kindheit, das ist Gehirn und Hand, und damit landen wir genau dort, wo wir das Smartphone bedienen: bei Daumen, Zeigefinger, Tippen, Wischen, Spreizen und Scrollen. Wir werden über ein motorisches Repertoire aus der eigenen frühen Kindheit angesprochen, einer Zeit, an die wir uns alle nicht erinnern können. […]
Die Hand ist der Teil des Körpers, an dem das menschliche Gehirn am direktesten „dran ist“, viel direkter als etwa an den Beinen, am Gehen. Man sieht das bei Jugendlichen am Smartphone ganz eindrücklich: diese Eleganz, diese Geschwindigkeit, mit der sie das Gerät bedienen, als wäre es natürlich. Das ist neu. Es geht um diese Nähe zwischen Feinmotorik, auch kleinster Gesten, und dem Gehirn. Übrigens, alle Religionen kennen etwas Ähnliches: die Gebetsperlen, die man durchzählt, den Rosenkranz oder auch die japanischen Netsuke-Figuren als Handschmeichler. Gerade weil das Smartphone so intuitiv in unserer Hand liegt und die Hand so nah am Gehirn ist, müssen wir körperlich lernen, damit umzugehen.
Florian Heinen, sueddeutsche.de, 14.10.2026 (online)
