Zitiert: Was in der KI drin ist, entscheidet der Markt

Im November 2023 kam es in der Chefetage von OpenAI, das durch seinen Chatbot ChatGPT berühmt wurde, zu einem Konflikt der besonderen Art. Auf Initiative von Firmenmitbegründer und Verwaltungsratsmitglied Ilya Sutskever wurde CEO Sam Altman entlassen. Am Ende kehrte Altman, ebenfalls Mitgründer von Open­AI, auf seinen Posten zurück, aber die Episode offenbarte den internen Grabenkampf zwischen Vertretern zweier Ideologien, die auf den ersten Blick gegensätzlich wirken, aber im Grunde nicht allzu weit auseinanderliegen: effektiver Altruismus und effektiver Akzelerationismus. Die Altruisten hatten – erfolglos – versucht, die Gurus des Akzelerationismus auszubooten, weil sie fürchteten, diese würden das Ende der Menschheit heraufbeschwören.

Der effektive Altruismus trat in den 2000er Jahren in den USA auf den Plan. Er zielt darauf ab, alle verfügbaren Ressourcen so einzusetzen, dass das Wohl der Allgemeinheit maximiert wird. Seine Fürsprecher sind von ihrer intellektuellen, finanziellen und technischen Überlegenheit so überzeugt, dass sie sich berufen fühlen, die wichtigsten Probleme der Menschheit nach Dringlichkeit zu hierarchisieren und zu lösen – allen voran die Gefahren durch Pandemien, einen Atomkrieg und die aufstrebende „Artificial General Intelligence“ (AGI), manchmal auch als „Singularität“ bezeichnet.

Die AGI ist eine künstliche Intelligenz, die auf der Grundlage gewaltiger Datenmengen ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Je nach Sichtweise wird sie die Menschheit entweder in ein Zeitalter des universellen Wohlstands oder in die Vernichtung führen. Die Definition dieser AGI ist allerdings so vage, dass einige sagen, es gäbe sie bereits, während andere erst in 50 Jahren mit ihrer Verwirklichung rechnen.

Der effektive Akzelerationismus ist radikaler als der effektive Altruismus. Seine Verfechter plädieren dafür, der technologischen Entwicklung keine Fesseln anzulegen und die übermenschliche AGI so schnell wie möglich zu realisieren, damit sie die Menschheit auf eine höhere Entwicklungsstufe hebt und sie vor den aktuell drohenden Gefahren rettet. Damit das gelingt, fordern sie, dass alle regulatorischen und ethischen Bremsklötze entfernt und Urheberrechts- und Datenschutzfragen ausgeblendet werden. Es komme nur auf eines an: Schnelligkeit.

Dieser ungenierte Techno-Liberalismus hält es für richtig, Systeme auf den Markt zu bringen, von denen niemand genau weiß, wie sie funktionieren und welche Folgen sie haben könnten. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Freigabe von ChatGPT durch OpenAI. Hier zeichnet sich das Gesellschaftsmodell der Digitalindustrie und ihrer Verbündeten ab – ein Gesellschaftsmodell, das ausschließlich einem funktionalen Imperativ folgt.

Nach einer Formulierung des Philosophen Marcello Vitali-Rosati handelt es sich dabei um „die kapitalistische Version des rationalen Imperativs, bei der die Rationalität zurücksteht hinter der Notwendigkeit, Reichtum zu produzieren und Güter zu akkumulieren.“

Auf diese Weise soll die Ersetzung des Menschen durch Maschinen als Horizont des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Wandels unserer Zeit in der kollektiven Vorstellungswelt verankert werden.

Victor Chaix, Auguste Lehuger und Zako Sapey-Triomphe, Le Monde diplomatique, 12/2024 (online)

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)