Liegt es nur an den Förderstrukturen, dass der deutsche Film nicht besser ist? Keineswegs. Vor allem müssten seine Kreativen wieder entfesselt werden. […]
In diesem Sinne wurde das Filmfördergesetz seit den Achtzigerjahren kontinuierlich derart umgebaut, dass die Förderung von Kinofilmen immer unmittelbarer an Entscheidungen der TV-Sender verknüpft wurde. Diese aber sind zu nichts anderem angehalten, als an ein möglichst großes Publikum zu denken. Seit dem Siegeszug der Algorithmus-gesteuerten Programmregeln der Streaming-Plattformen hat das Dogma der Publikumswirksamkeit die Welt des Films erst recht fest im Griff. Alle Beteiligten sind permanent gezwungen, die Routinen und Glaubenssätze der Sender und Plattformen mitzudenken.
Dadurch ist die Spaltung der Filmbranche systemisch geworden: auf der einen Seite die Dienstleister mit ihrem Blick aufs große Publikum – auf der anderen die Vertreter eines künstlerischen Anspruchs, der mit Recht seine Freiheit zu verteidigen sucht, oft aber um den Preis der tiefen emotionalen Wirkungen, die man lieber dem Fernsehen überlässt. So entstanden unzählige spannende, sperrige, innovative, von der Kritik hochgelobte Filme – aber mit beklagenswert geringer Resonanz.
Zugleich führt die zwangsweise Verquickung von Kino und Fernsehen auch zu einer osmotischen Durchdringung. Da nur die allerwenigsten Autorinnen und Autoren vom Kino allein leben können, sind sie unweigerlich auch mit den Denkschemata und Stereotypen der Sender vertraut. So wurden typische deutsche Arthouse-Filme oft zu einer Art negativer Blaupause der Fernsehästhetik: ähnliche Themen, Erzählmuster, Umsetzung – nur trostloser. „Schuld“ daran haben – wenn man von Schuld sprechen will – weniger die Kreativen als die herrschenden Strukturen.
Roland Zag, sueddeutsche.de, 4.2.2023 (online)