Der Erfolg von rechten Angeboten liegt nicht nur darin, dass sie ausbeutbare Emotionen und Affekte wecken, sondern es werden auch knallharte Interessen angesprochen. Eine Bevölkerungsmehrheit in den reichen Industrieländern weiß, was sie zu verlieren hat durch die „falsche“ Migration oder durch wirklich durchgreifende Maßnahmen gegen den Klimawandel, durch ein radikal anderes Energieregime dieser Gesellschaft oder ein Ende des Wachstumskurses und die Forderung nach Verzicht. Seinen eigenen Lebensstandard zu verlieren, kann rationaler Weise niemand wollen. Wenn sich dann jemand anbietet, diesen zu schützen, wie die politische Rechte, ist das erst einmal ein attraktives Angebot. Jene politische Linke, die in Deutschland den größten Anklang findet, ist eine Position nach Art von Wagenknecht, die genau diese Karte spielt: Die nach Selbsteinschätzung berechtigten Interessen der gesellschaftlichen Kern-Milieus zu wahren und ihnen zu vermitteln, dass sich diese mit einer linken Position gut vereinbaren lassen. Eine davon sich abgrenzende linke Position müsste zeigen, wie unsere alltägliche Lebensführung und unsere gesellschaftliche Normalität abhängig sind von Voraussetzungen, die anderswo erbracht werden müssen, und von Folgen, die wir entweder nicht wahrhaben wollen oder immer noch einigermaßen von uns fernhalten können. Wir leben in einer Gesellschaft, deren Freiheiten davon abhängig sind, anderen Unfreiheit zuzumuten. Das kann man nicht oft und klar genug sagen.
Stephen Lessenich, fr.de, 30.06.2023 (online)