Indem sich das Kulturradio immer weiter der Breite öffnet, droht es sich zugleich gedanklich zu nivellieren. Und hier droht es dann zu verlieren, worauf es besonders angewiesen ist: ein kulturbürgerliches Publikum. Wenn dieses dem Sender den Rücken kehrt, weil es sich »unterfordert« fühlt, fehlt Sendern wie Deutschlandradio ihre natürliche Basis. Es ist ein Trugschluss, dass diese Säule der Hörerschaft von heute auf morgen gegen ein junges, breiter aufgestelltes Publikum ausgetauscht werden kann. Der Deutschlandfunk spielt ein gefährliches Spiel: Wenn er sein Stammpublikum weiter verärgert, steht auch seine Glaubwürdigkeit infrage.
Dass aus rbbKultur 2024 radio3 wurde, sollte den Sender ebenfalls zugänglicher machen und für neue Hörerinnen und Hörer öffnen. Klassische Musik sollte dennoch Markenkern bleiben.
Doch beim bisherigen Publikum stieß die Reform auf erhebliche Kritik. Die erhoffte Verbreiterung stellte sich zumindest zunächst nicht ein, die Tagesreichweite ging nach der Reform deutlich zurück. Ein Beweis dafür, dass Kulturprogramme eben nicht automatisch erfolgreicher werden, wenn sie weniger spezialisiert und vermeintlich niedrigschwelliger werden.
Axel Brüggemann, backstageclassical.com, 06.10.2026 (online)

