Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Kenner vor lauter Kenntnis ihres Gegenstands manchmal die größeren Zusammenhänge aus dem Blick verlieren. Das gilt so mit Sicherheit für viele Hardcore-Kenner deutscher Innenpolitik. Es scheint oft, als sprächen sie dem politischen Personal dieses Landes jegliche moralische Überzeugung ab. Alles betrachten sie immer nur aus dem Blickwinkel, ob etwas ein guter taktischer Move war, um Wählerstimmen zu gewinnen. Stets analysieren sie nur das parteipolitische Kalkül. Überhaupt wird ständig alles über-analysiert. Kein Wunder, dass Politiker im Grunde nichts mehr sagen. Und erst dann in der Öffentlichkeit Kontur gewinnen und so etwas wie eine eigene Stimme, eine eigene Persönlichkeit zeigen, wenn sie aus irgendeinem Grund ihre Machtposten verlassen haben. Kein Wunder, dass es, oft beklagt, nicht mehr so viele große Persönlichkeiten im Bundestag gibt. Wer möchte bei dieser Art der Beobachtung der hochnäsigen Besserwisserei fachsimpelnder Experten, die selbst im meinetwegen inbrünstigen Protest gegen den Faschismus müde lächelnd nur Kalkül sehen, noch Politiker sein?
Johanna Adorján, sueddeutsche.de, 08.10.2026 (online)

