Politische Talkshows gehören zu den wichtigsten Diskursbühnen, mit großer Reichweite, die durch anschließende Presseresonanz noch verstärkt wird. Aber demokratischer Diskurs basiert auf Evidenz, also auf Fakten. Desinformation, Verschwörungserzählungen und Hetze zerstören den Diskurs. Lügen und Fake News lassen sich kaum widerlegen, wenn sie einmal in der Welt sind. Permanente Wiederholung verankert sie in den Gehirnen des Publikums. ARD und ZDF kümmert das offenbar nicht. The talk must go on. […]
Der AfD ist es gelungen, mit ihrer permanenten Opferhaltung und dem aggressiven Ruf nach Fairness eine Hypersensibilisierung der Medien zu erzeugen. „Auf keinen Fall will man den Vorwürfen politischer Einseitigkeit gegen die Öffentlich-Rechtlichen neue Nahrung geben“, übt ein langjähriger ARD-Redakteur Selbstkritik. „Ich empfinde es so, dass man bei uns versucht, sich den Kritikern der Öffentlich-Rechtlichen anzubiedern.“ Er hat den Eindruck, dass sich dafür vor allem Führungskräfte einsetzen, denen es um ihren Machterhalt gehe. Die Strategie dahinter laute in etwa: „Wenn wir die Leute nicht weiter gegen uns aufbringen, dann können wir in den Sendern so weitermachen wie bisher.“ […]
Der erfahrene ARD-Redakteur möchte jedenfalls anonym bleiben. Ihn stört, dass das AfD-Personal in der Berichterstattung permanent eigene Themen setzen darf. Oder besser gesagt: das Mono-Thema Migration. Interviewer sind oft schlecht vorbereitet und können AfD-Leuten inhaltlich nichts entgegensetzen. In politischen Talkshows werden Lügen und ausweichende Antworten selten richtiggestellt. Trotzdem machen ARD und ZDF mit Weidel und Chrupalla business as usual – ohne jeden Lerneffekt.
Michael Kraske, uebermedien.de, 03.02.2025 (online)