Wer die Technologie ernst nimmt, muss nicht nur über Effizienz nachdenken, sondern über Macht, Eigentum und Abhängigkeit. KI eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für Produktivität und Kreativität. Sie ist aber nicht gottgegeben, sondern eine von Unternehmen entwickelte Infrastruktur mit Profitinteressen. Dagegen wirkt die Aufregung darüber, ob ein Kolumnist einen Übergang mit Claude geglättet hat, beinahe putzig.
Nicht alle Spielarten der KI-Unterstützung sind dabei gleich zu bewerten. Es lassen sich mindestens fünf Eskalationsstufen unterscheiden: Formulieren, Strukturieren, Recherchieren, Prüfen, Entscheiden. Je höher die KI auf dieser Leiter steigt, desto mehr wandelt sie sich vom bloßen Werkzeug der Assistenz zum Akteur im journalistischen Erkenntnisprozess. […]
Deshalb ist das Prinzip „Human in Command“ alternativlos: Eine Redaktion ohne menschliche Letztentscheidung wäre nur eine AI-Content-Fabrik. Und genau aus diesem Grund sollte keine Diskussion um „KI-freie Zonen“ geführt werden, sondern darüber, wie KI eingesetzt werdne kann, ohne journalistische Verantwortung aus der Hand zu geben. Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen Mensch und KI, sondern zwischen einem Journalismus, der sich diese mächtige Technologie sinnvoll zunutze macht und einem, der seine Verantwortung an sie delegiert.
Stephan Weichert epd medien, 19.09.2026 (online)

