Zitiert: Die Zukunft des Radiofeatures

Lange war das Radiofeature der verdiente Star der Medienwelt. Doch dann kam der Podcast. Wie das Genre die Digitalisierung trotzdem überstehen kann […]

In den 1950er und 1960er Jahren war das Radiofeature vor allem ein Autorenfeature: Der Ton war geprägt von im Studio vorgelesenen schweren Texten von Schriftstellern. In den 1970er Jahren änderte sich der Klang grundlegend: Als die technischen Möglichkeiten es erleichterten, die Welt außerhalb der Studios einzufangen, kamen Stimmen aus dem Leben ins Radio. Nicht mehr der Autorentext war fortan das Herzstück, sondern der O-Ton. Das Radiofeature wurde dokumentarischer.

Eine junge Stimme mit austro-bairischem Dialekt erklingt. Johanna Tirnthal, selbst Feature-Autorin und Regisseurin, springt dem Radiofeature zur Seite. Es sei die perfekte Form, das sinnliche Potenzial der Audiowelt zu nutzen, denn es gehe dabei nicht um bloße Vermittlung von Information. […]

Es drohe die „Podcastisierung“ des Radiofeatures, sagt er. Der Unterschied zwischen gängigem Doku-Podcast und klassischem Radiofeature zeige sich etwa bei der Ansprache. Während das Radiofeature gerne auch mal ohne Sprecher auskommt, gibt es beim etablierten Doku-Podcast in der Regel einen oder mehrere Hosts, die die Hörenden buchstäblich an die Hand nehmen. „Betreutes Hören“ nennt Lissek das und kritisiert eine strukturelle Unterforderung des Publikums. […]

Hier zeigt sich, was ein gut gemachtes Feature ermöglichen kann: Räume öffnen, Fragen stellen, Zwischen- und Grautöne herausarbeiten und offenlegen. Ob eine an gängige Erzählweisen angepasste Podcast-Serie, bei der ein Host immer gleich die Interpretation liefert, so etwas könnte, bleibt fraglich. […]

Im Idealfall ergänzen sich die Formen und profitieren voneinander: das Feature von der Popularität der Podcasts, indem jüngere Nutzergruppen auch das Radiofeature entdecken; die Podcasts von Handwerk, Erzählweisen und Technik der Feature-Szene.

Ob sie selbst als eigenständiges Genre den aktuellen Wandel in der Audiowelt aber übersteht, weiß sie nicht. Es wird, sagt sie, von den Entscheidern in den öffentlich-rechtlichen Sendern abhängen. Aber auch davon, ob es gelingt, das Feature mehr Menschen zugänglich zu machen.

Sebastian Friedrich, taz.de, 17.08.2024 (online)

Nicht (nur) die Feature-Verantwortlichen sind schuld, sondern die „Apparatschiks“, die finanzielle Mittel gestrichen haben. (So beim rbb, als man 1 Mio. Euro aus dem Kulturradio heraus holte, um es in der Intendanz zu verbauen.) Autoren leben von Honoraren. Gibt es weniger, gehen sie zu Audible oder Podcastfirmen und stellen sich um und produzieren, was „der Markt“ finanziert. Die Intendanten/Intendantinnen und Direktoren/Direktorinnen haben die Weiterentwicklung des Features nicht auf ihrem Arbeitszettel.

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)