Zitiert: Der Osten ist mehr als die Problemzone der Republik

Abgewickelt, abgehängt, demokratiefern? Filme bei der Dok.Leipzig durchbrechen vertraute Ostbilder – und legen die Widersprüche der Einheit frei. […]

Der deutsche Dokumentarfilm beginnt bemerkenswerterweise gerade damit, eine Leerstelle zu bearbeiten, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit Jahrzehnten besteht: die ostdeutsche Wirklichkeit jenseits der großen Erzählungen von Mauerfall, Wiedervereinigung, Abwicklung und Anpassung.

Dabei geht es darum, wie sich die Erfahrungen dieser Geschichte in Biografien, Mentalitäten, Landschaften und gesellschaftlichen Verhältnissen bis heute eingeschrieben haben. […]

Ein Lehrstück ist der Film schon deswegen, weil er jede einfache Schablone sofort aufsprengt: Die Rebellion der Hochschulrebellen von damals war nämlich nicht die Fortsetzung der Montagsdemonstration mit anderen Mitteln.

Ihre Anführer waren sehr gleichberechtigt ein Ostdeutscher, eine Westberlinerin, und eine linksrheinische Westdeutsche – Sandra Uma Schmitz, die als einige der wenigen noch heute (wieder) in Rostock lebt. Gerade die Pluralität unterschiedlicher Erfahrungen und Reaktionsweisen war eine Kombination, die in der politischen Praxis unschlagbar war.

Demokratie ist eben kein starrer Brei einheitlicher, enger Korridore und deckungsgleich geteilter Überzeugungen, sondern das streitbare, in Bewegung befindliche Zusammenspiel verschiedenster Perspektiven. Ein ständiger Lernprozess aus Erfahrungen. […]

Die heute angeblich bestehende Krise der Demokratie ist, das zeigt der Film von Hilberger und Kahl, tatsächlich vor allem eine Krise der eher billigen Vorstellung, dass Bürgersinn und republikanischer Geist sich darin erschöpfen, alle Jahre wieder einen Stimmzettel auszufüllen.

Rüdiger Suchsland, Telepolis, 04.11.2026 (online)