Der KI-getriebene Kapitalismus tritt in ein neues Stadium. Die Trump-Regierung pumpt gigantische Geldsummen in strategische Projekte, um den globalen Wettbewerb gegen China zu gewinnen. Die Investitionsflüsse reguliert nicht mehr der Markt, sondern der Staat – mit dem Pentagon als Leitzentrale. […]
Die US-Regierung setzt also nicht auf eine Neuauflage des New Deal in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen; sie setzt auch nicht auf die Rückkehr des waffenstarrenden Staats aus der Zeit des Kalten Kriegs. Vielmehr errichtet sie ein Geschäftsmonopol, das für gut die Hälfte der Weltbevölkerung nichts als legalisierte Ausplünderung bedeutet.
Es scheint Kollitides entgangen zu sein, dass die entsprechenden Strukturen bereits existieren. Das Pentagon entwirft die Leitlinien, die Cloudgiganten verwalten die Lager, und ein kleines Konsortium von Investmentfonds stellt das Betriebskapital bereit. Palantir analysiert die Lage. Nvidia liefert die Chips. Und das Finanzministerium erledigt den Papierkram.
Im Britischen Weltreich war es vor allem der Gewürzhandel, der das Gesamtgefüge zusammenhielt. Diese Rolle kommt heute der KI-Entwicklung zu. Die Übergänge zwischen Technologie, Profitstreben und Herrschen sind fließend. Wer versucht, das eine vom anderen zu trennen, wird als Relikt eines vergangenen Zeitalters verhöhnt, in dem Regeln und Verfahren noch etwas galten.
Die Britische Ostindien-Kompanie sicherte sich ihre Profite durch den Zugriff auf Baumwolle, Opium und Tee. Ihr heutiges Pendant profitiert wegen seiner Monopolstruktur in erster Linie durch digitale Aktivitäten, also durch von KI erzeugte Token, verarbeitete Prompts sowie mit den Daten Dritter trainierte Sprachmodelle.
Aber Länder und Völker werden auch heute noch auf klassische Weise geschröpft. Sie bezahlen die KI-Token mit Kupfer und Kobalt aus der DR Kongo sowie mit sinkenden Grundwasserständen, weil die Rechenzentren Kühlwasser brauchen; zudem liefern sambische Kliniken Genomsequenzen im Austausch für möglicherweise nie eintreffende Tuberkulosemedikamente. All das kam auf der Konferenz des Milken Institute im Beverly Hilton nicht zur Sprache. Was wiederum an den Imperialismus des 18. Jahrhunderts erinnert: Auch im Hauptquartier der Britischen Ostindien-Kompanie war die Hungersnot in Bengalen 1770 kein Thema gewesen.
Evgeny Morozov, monde-diplomatique.de, 11.06.2026 (online)

