Stellen wir uns einmal vor, in Fortsetzung des Trends der vergangenen drei Jahre, der statistisch nachweisbar ist, würde ein immer größerer Anteil von wissenschaftlichen Publikationen von generativer künstlicher Intelligenz produziert. Da die Amalgame aus vorhandenem, im Internet zugänglichen Material nicht leicht auf ihre Quellen zurückgeführt werden können, würden diese Publikationen auch von führenden Zeitschriften zur Publikation angenommen, es gäbe Review-Artikel, ebenfalls von künstlicher Intelligenz produziert, die die jeweils zuletzt erschienenen Artikel resümieren, es gäbe Reviews von Mitgliedern des Advisory Boards, die ebenfalls nicht von diesen selbst, sondern von der künstlichen Intelligenz ihres Vertrauens produziert wurden, und am Ende hätte sich das System der wissenschaftlichen Produktivität verselbständigt, menschliche Eingriffe wären minimiert oder sogar vollständig überflüssig geworden.
Welche Folgen hätte eine solche Praxis für die Wissenschaftsentwicklung? Für mich liegt die Antwort auf der Hand: Wir würden, vielleicht zunächst unbemerkt, aber dann irgendwann immer deutlicher feststellen, dass der wissenschaftliche Fortschritt zum Erliegen gekommen ist. Wegen der großen Zahl von Textkorpora und Daten, auf denen die LLMs trainiert werden, würde es zu immer neuen Textvarianten kommen, aber nicht mehr zu einer inhaltlichen Fortentwicklung. Auch die wissenschaftliche Kreativität käme zum Erliegen.
Julian Nida-Rümelin, sueddeutsche.de, 26.08.2026 (online)

