Es muss sein, auch wenn es wehtut. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner findet, die Medien seien zu sehr auf Skandalisierung fixiert. In Zeiten, in denen die Populisten erstarken, schwäche das die politische Mitte. Doch zugleich ist kritischer Journalismus wichtiger denn je. […]
In diesem Sinne beklagen Koalitionäre ständig, dass die Stimmung im Land schlechter sei als die Lage – und erwarten, dass die Medien zur Aufhellung beitragen. […]
Es mag stimmen, dass Journalisten viele Geschichten der Art „Streit über …“, „Kritik an …“, „Konflikt spaltet …“ produzieren. Nicht alle davon sind unentbehrlich, aber Streit und Kritik bilden eben auch einen Diskussionsstand ab oder beschreiben den Zustand einer Regierung. […]
Folglich gibt es eine bewährte Arbeitsteilung: Regierende heben gerne und zuverlässig hervor, was funktioniert. Journalisten beschäftigen sich hingegen intensiver mit dem, was nicht funktioniert. Oder soll die Presse die zunächst gescheiterte Kanzlerwahl von Merz mal einfach ignorieren, um das Land nicht weiter zu verunsichern? Oder das Siechtum der SPD beschönigen, um die Sozialdemokraten wieder aufzurichten? Diese Beispiele zeigen schon, dass die düstere Berichterstattung weniger mit der Bösartigkeit der Berichterstatter zu tun hat als mit dem, was es zu berichten gibt. […]
Sieht man von diesem Verzicht auf unnötige Häme mal ab, ist es dem Journalismus verwehrt, nett zu den Regierenden zu sein. Medien sind nicht für nationales Wellness zuständig, sie sind nicht die Hilfsorgane des Bundespresseamts. Der schönste Sinnspruch dazu ist noch immer das Motto der französischen Satirezeitung Le Canard enchaîné: „Die Pressefreiheit nutzt sich nur ab, wenn man sie nicht benutzt.“
Peter Richter, sueddeutsche.de, 28.05.2026 (online)

