Die Sendezeit wird unter den Parteien aufgeteilt, die im Landtag zu erwarten sind. Regierungsbildungsoptionen werden in Szenarien sortiert. Kuchenstücke werden so aneinandergelegt, dass sie mehr als die Hälfte der Kuchenplatte einnehmen. Man kennt das Verfahren. Das Verfahren ergibt an sich auch Sinn. Im Immergleichen liegt eine Stärke. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sind zur Neutralität verpflichtet, und deshalb folgt die Berichterstattung rund um Wahlen Regeln. Bei jeder Landtagswahl ein anderes, stets möglichst überraschendes Spektakel zu organisieren, könnte ihnen den Vorwurf einbringen, sie würden den Erfolg der einen Partei mit mehr Lampions und einem besser bestückten Buffet feiern als den der anderen.
Nur kann ein Fernsehritual eben auch Ereignisse gleich wirken lassen, die nicht gleich sind.
Es gab ja Gründe, warum am Sonntag und Montag Journalistinnen und Journalisten aus der halben Welt auf Sachsen-Anhalt schauten. […]
Die Aufmerksamkeit gab es, weil es um eine besondere Situation ging: Die Partei, die in Sachsen-Anhalt mit mehr als 40 Prozent der Stimmen gewählt wurde, ist rechtsextrem. Das deutsche Wahlfernsehen allerdings verallgemeinerte das Besondere.
Dass dieser Eindruck entsteht, dürfte so kaum gewollt gewesen sein, die ARD ließ sogar kurzfristig den sonst unausfallbaren „Tatort“ ausfallen, so groß war der Gesprächsbedarf. Aber am Ritualeindruck änderte das nicht viel: Das Fernsehen füllte die Formatgefäße, die es eben so im Schrank hat, mit Fragen, die man eben so in ihnen stellt.
Klaus Raab, MDR Altpapier, 08.09.2026 (online)

