Wir wissen ja, dass entgegen jeder jeweils neu in die Welt hinausposaunten Prognose, technologische Innovationen gerade nicht zu Erleichterung der Arbeit oder zu mehr Freizeit führen.
Das hat die Industriesoziologie durch ihre Beobachtung in Betrieben herausgefunden, und das wissen wir auch etwa aus der feministischen Technikforschung. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Was steigt, ist nicht die frei verfügbare Zeit und schon gar nicht die Arbeitszufriedenheit. Was viel mehr steigt, sind die Ansprüche und die Palette der zu bewältigenden Aufgaben.
Ich versuche nun, diese Befunde auf den Journalismus zu übertragen. Wenn das Ziel lautet, die Zeitungen und Onlinedienste besser zu machen, dann muss die Erleichterung, die KI bietet, zu ihrer Kontrolle genutzt werden. Jemand mit entsprechender Qualifikation muss also schauen, ob die Übersetzung aus dem Russischen, die mir ein KI-Tool bietet, angemessen ist.
Und jemand, der von Fußball etwas versteht, muss die Spielberichte der KI gegenlesen, ob die nicht eher Fragen aufwerfen. Das verkürzt die Arbeit nicht, aber es erleichtert sie, und das Produkt wird besser. Es gibt Menschen, die für diese Seite der Nutzanwendung das Marx’sche Wort Gebrauchswert verwenden.
Wenn das Ziel jedoch lautet, Arbeitskräfte freizusetzen und Geld einzusparen – hier könnte man mit dem Wörtchen Tauschwert argumentieren –, dann verdichtet sich bloß die zu bewältigende Arbeit auf immer weniger Menschen. Diese stets kleiner werdende Gruppe von Redakteuren und Redakteurinnen muss dann den Niedergang ihrer Branche verwalten, solange diese noch ein schickes Profitchen abwirft. […]
Letztlich sind es die Bedingungen, unter den wir arbeiten, die den ganzen Mist produzieren.
Martin Krauss, taz.de, 30.06.2026 (online)

