Der am stärksten gebrauchte und gleichermaßen missverstandene Satz in der deutschen Comedy-Berichterstattung ist „Satire darf alles“, und damit geht es ja schon los, denn hätte man Tucholsky gelesen, wüsste man vielleicht, dass das Zitat „Was darf die Satire? Alles“, lautet. Die Berufung auf Tucholsky soll Diskussionen über die Angemessenheit bestimmter Witze beenden. Tucholsky in allen Ehren, aber warum sollte ein Spruch aus Zeiten der Weimarer Republik maßgeblich für die Betrachtung von Lisa Eckhart oder Luke Mockridge sein?
Dass er vielen Feuilletonisten als allererstes einfällt, zeigt vor allem, was in den 100 Jahren dazwischen nicht stattgefunden hat. Tucholskys schrieb den Aufsatz Was darf die Satire? zu einer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als der Kaiser abgedankt hatte und kurz zuvor Rosa Luxemburg ermordet worden war. Es war eine politische Kampfansage gegen staatliche Repression in der Weimarer Republik, kein ästhetisches Prinzip und kein Freifahrtschein, mit dem irgendwelche Vollpfosten-Comedians oder Bromedians ihre ableistischen oder transphoben hack jokes rechtfertigen könnten.
Den Satz als Schutzschild gegen jede Kritik einzusetzen, verkehrt seine Intention. Wer sich auf ihn beruft, stellt sich in eine Tradition, die keine ist, betreibt nicht nur keine Historisierung, sondern sogar eine falsche. Nein, Nizar, Chris Tall oder Lisa Eckart stehen nicht in der Tradition eines verfolgten Satirikers aus der Weimarer Republik. Ein reicher Diskurs würde Tucholsky nicht zitieren, sondern lesen.
Bernhard Hiergeist, setup-punchline.de, 26.07.2026 (online)

