Gängeln, ausbeuten, abzocken: Plattformen und Techfirmen verschlechtern systematisch ihre Produkte, die wir alle täglich nutzen. Warum machen wir diese „Enshittification“ eigentlich mit, fragt der Kritiker Cory Doctorow. […]
Mal sind es geheime Überwachungssysteme, mal Wettbewerbsverzerrung, Doctorow wühlt sich durch letzten 20 Jahre Technikgeschichte und fördert über geheime Preisabsprachen, absichtlich verhinderte Kompatibilität und quasi-erpresserische Abo-Modelle eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen zutage, die in weniger bewegten Zeiten jede für sich schon ein Skandaldossier wert gewesen wären – an die man sich im Fall der Tech-Overlords aber scheinbar schon längst gewöhnt hat. […]
„Zuerst sind sie gut zu ihren Nutzern; dann missbrauchen sie ihre Nutzer, um die Dinge für ihre Geschäftskunden besser zu machen; schließlich missbrauchen sie diese Geschäftskunden, um den gesamten Wert für sich selbst zurückzubekommen. Dann sterben sie.“ In vier exemplarischen Fallstudien, von Facebook über Amazon, das iPhone und Twitter, legt der Autor dar, wie sich dieser „Krankheitsverlauf“ der Enshittification durch die gesamte Tech-Branche zieht. […]
Wie konnte es so weit kommen? In Kurzform: zu wenig Regulierung, zu wenig Wettbewerb, zu viel Machtkonzentration in Form von Übernahmen, zu viel Gier, ein irgendwann abhandengekommener moralischer Kompass der Akteure. Ist das nicht einfach Kapitalismus, fragt sich Doctorow zum Schluss selbst noch mal. Und antwortet: Wir sind auf dem besten Weg, in den Feudalismus zurückzufallen.
Michael Moorstedt, sueddeutsche.de, 18.8.2026 (online)

