Die Rituale des Live-Fernsehens sind ja schon im Nachrichtenalltag merkwürdig, wenn im Programm etwa fortlaufend eine Tür eingeblendet wird, aus der gleich ein Politiker kommen könnte, um eine Pressekonferenz zu geben. Wenn die vermeintlichen Breaking News aber astronomische Ereignisse sind, die mit auf die Minute zu berechnender Präzision eintreten, wirken sie besonders absurd. Schon Stunden vor der Sonnenfinsternis blendeten n-tv und Welt-TV Livebilder von der Sonne ein, als wollte man gewappnet sein für den Fall, dass der Mond überraschend früher auf den Plan tritt, vielleicht weil ein Termin ausgefallen ist, was auch immer so ein Trabant im Kalender hat. Die ersten eindrucksvollen Aufnahmen, wie der Mond sich vor die Sonne schob, verpassten sie trotzdem, weil sie stur Live-Kameras aus Spanien zeigten, statt nach Island zu schalten, wie es die BBC tat.
Der Satz, dass eine Sonnenfinsternis ein Ereignis ist, dass man so schnell nicht vergessen wird, fiel viele Male in diesen Übertragungen. Aber vielleicht ist es bezeichnend, dass der Welt-TV-Moderatorin Fanny Fee Werther auf die Frage, woran sie sich denn erinnere, wenn sie an die totale Sonnenfinsternis 1999 denke, als Erstes einfiel: die komischen Sonnenbrillen!
Stefan Niggemeier, sueddeutsche.de, 13.08.2026 (online)

