Glanzmann sagt: „Ich denke, dass der Fußball eher den aktuellen Trends folgt, die politisch vorherrschen. Umgekehrt wäre es aber doch auch eine Vision, dass gerade der Fußball Akzente setzt, um die Politik in eine andere, offenere, weniger autokratische Richtung zu bringen.“ Pause. Zwei Sätze noch, zwei wichtige: „Aber dafür bräuchte es das, was eben nicht passiert. Dass Verbände sagen: Wir machen das so nicht mehr mit.“ […]
Amnesty International befürchtet, dass bei der WM mehr Repression als Fußball zu erwarten ist, Human Rights Watch schreibt, dass die WM sich zu einem „Sportswashing-Glücksfall für die Trump-Regierung“ auswachsen könne. Das sind keine Medien, die meckern. Das sind Experten, die alarmiert sind. […]
Aus streng sportlicher Sicht ist es nachvollziehbar, wenn Fußball-Strategen die Politik aus dem Spiel heraushalten wollen. Jede Ablenkung schadet. […]
Aber in genau dieser Haltung wird die im System angelegte Absurdität sichtbar. All diese Helden flunkern sich den Fußball als unpolitisch zurecht, während Fifa-Chef Gianni Infantino ihn nach Kräften politisiert. […]
Es wird interessant sein zu sehen, wie die Apologeten des unpolitischen Fußballs reagieren, wenn der US-Präsident die politische WM durch Zurufe bei Social Media noch etwas mehr politisiert. Bei den Olympischen Winterspielen war ihm das gelungen, indem er den amerikanischen Freestyler Hunter Hess als „real loser“ beschimpfte. […]
Rekordsummen will die Fifa einnehmen, über Sponsoring, TV-Gelder, Lizenzen, Tickets. „Die Fifa ist auf dem Weg, ihr für den Zeitraum 2023–2026 angestrebtes Umsatzziel von 13 Milliarden US-Dollar zu überteffen“, steht im Jahresbericht. Die Verbände kriegen ihren Teil ab, die Fifa reicht bei der WM von den Rekordgewinnen Rekordprämien weiter. 50 Millionen Dollar für den Weltmeister, 33 für den Zweiten, 29 für den Dritten.
Holger Gertz, sueddeutsche.de, 02.06.2026 (online)

