Öffentlich aber treten sie sehr bewusst nicht in Erscheinung. Jetzt ist eine Studie erschienen, die ihre Rolle erstmals genauer unter die Lupe nimmt. […]
Über die geheimnisvolle und umstrittene Figur des Literaturagenten hat die Literaturwissenschaftlerin Laura McGrath jetzt ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Middlemen. Literary Agents and the Making of American Fiction“ und wurde in den USA bei der Princeton University Press veröffentlicht. […]
Die wichtigste Funktion, die Agentinnen im literarischen Feld einnehmen, ist es, vielversprechende Manuskripte und Autorinnen an Verlage zu vermitteln. Sie stellen einen „Pitch“ zusammen, überlegen, welche Verlage am besten passen, und versuchen, möglichst hohe Vorschüsse und möglichst gute Konditionen zu verhandeln. Die Arbeit von Agentinnen geht aber über das reine Verhandeln und Verkaufen weit hinaus. Agentinnen sind Cheerleader ihrer Autorinnen, manchmal auch Vertraute oder gar Freunde. Zudem übernehmen Agentinnen inzwischen auch immer mehr Lektoratsaufgaben. Verlage erwarteten heute, sagt etwa die bekannte Agentin Lynn Nesbit, fast perfekte Manuskripte. […]
Um das Prestige der Literatur, ihre Autonomie und Reinheit nicht mit Kommerzfragen zu kontaminieren, hat sich im modernen Literaturbetrieb eine Arbeitsteilung etabliert: Hier die Autorin, die schreibt, dort die Intermediäre, die das schmutzige Geschäft des Produzierens, Vermarktens und Verkaufens übernehmen. Die literatursoziologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte, die diese Arbeitsteilung untersucht und infrage stellt, erscheint vor diesem Hintergrund auch als narzisstische Kränkung eines Feldes, das den kommerziellen Aspekt der Produktion immer verdrängt hat.
Johannes Franzen, sueddeutsche.de, 29.06.2026 (online)

