Zehn Monate ist es nun her, dass die Kulturwelle des Bayerischen Rundfunks generalüberholt wurde. […] Die Frage ist, wie groß die Zugeständnisse sein dürfen in einem Medium, das zwar unter Rechtfertigungszwang steht, aber eben nicht nur in Hinsicht auf Masse, sondern auch auf Klasse, und dessen wirtschaftliches Überleben nicht allein von Hörerzahlen abhängt. Und zu dessen politisch formuliertem Kernauftrag die Kultur an erster Stelle gehört. […]
Das Publikum wird jetzt jedenfalls abgeholt, wie es auf Managerdeutsch heißt. Bayern 2, muss man leider sagen, hat sich in einen besonders fleißigen Abholservice verwandelt. Kultur findet seither kaum noch gebündelt in erkennbaren Sendungen statt. […]
Die ständigen Selbsterklärungen von Künstlerinnen und Künstlern zu ihrem Werk sind eine bemerkenswerte Auffälligkeit im neuen Bayern-2-Programm. In Vorberichten ohnehin, die es zuhauf gibt, aber sogar in Kritiken. Kaum eine Ausstellung, ein Festival oder ein Film, zu dem nicht der Kurator, die Leiterin oder der Regisseur ihre jeweiligen Absichten erklären dürfen. Die Grenze zwischen Kulturjournalismus und Kultur-PR wird so ziemlich fließend. […]
Der regionale Proporz ist zu einem wesentlichen Maßstab bei der Programmauswahl geworden. Und wer in Mundart rappt, kann sich sicher sein, über kurz oder lang als Gast in die einstündige Gesprächssendung „Eins zu Eins. Der Talk“ eingeladen zu werden, im Wechsel mit Schriftstellerinnen und Felskletterern. […]
Die Kultur dient bei Bayern 2, dieses Bild verfestigt sich beim Zuhören, in erster Linie der Unterhaltung und nicht der Reibung. Sie hat wenige eigene Sendeplätze wie das „Büchermagazin“ am Montag, das „Bayerische Feuilleton“ am Samstagmorgen oder das Hörspiel am Wochenende. Ansonsten wird sie immer wieder einmal hereingebeten ins Programm, dann aber auch wieder hinauskomplimentiert.
Stefan Fischer, sueddeutsche.de, 15.02.2026 (online)

