Fast die Hälfte der Befragten hielt die Nahost-Berichterstattung deutscher Medien für wenig oder gar nicht vertrauenswürdig. In Zeiten zunehmender Angriffe auf den Journalismus kann dieser es sich nicht leisten, sich durch parteiische Berichterstattung selbst zu diskreditieren.
Sicherlich spielt Rassismus eine Rolle. Ich glaube aber, es gibt noch einen anderen Faktor: einen blinden Fleck bei Journalistinnen, die sich ehrlich bemühen, alles richtig zu machen. Sie sind unsicher, wo legitime Israel-Kritik aufhört und Antisemitismus beginnt. Und sie haben panische Angst, dass ihre Berichterstattung oder die eigene Person als antisemitisch diffamiert wird. Viele Journalistinnen reflektieren zu wenig, dass ihre Unsicherheit und Angst zu einem anderen Problem führen kann, zu medialem Rassismus.
Journalist*innen tun gut daran, der israelischen Regierung nicht leichtfertig Vorwürfe zu machen. Schließlich kann Antisemitismus sich auch als übereifrige Kritik an der israelischen Regierung tarnen. Aber es ist auch problematisch, nur verhalten zu diskutieren, dass großen Menschenrechtsorganisationen zufolge in Gaza Kriegsverbrechen passieren – wegen der Waffenlieferungen mit indirekter deutscher Beteiligung.
Es ist wichtig, sensibel dafür zu sein, dass es neben offen antisemitischer Hetze auch Israel-bezogenen Antisemitismus gibt. Aber es gibt auch so etwas wie palästinabezogenen antiarabischen Rassismus – durch selektive Empathie, ausbleibende oder einseitige Berichterstattung und die Verächtlichmachung von Palästina-Solidarität.
Klar ist: Wenn Leserinnen und Hörerinnen Journalismus als entmenschlichend empfinden, läuft etwas schief. Es braucht ein Korrektiv: Die Frage muss nicht nur lauten, ab wann Berichterstattung antisemitisch, sondern auch, ab wann sie – vielleicht unbeabsichtigt – rassistisch ist.
Stefan May, uebermedien.de, 26.03.2025 (online)