Wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund eine schwere Straftat begeht, sind die Reaktionen vorhersehbar. Von rechts wird geplärrt: Flüchtlinge raus. Und der aufgeklärte Teil der Gesellschaft warnt – zum Glück – davor, daraus eine Kollektivschuld zu konstruieren; also etwa wegen der Tat eines Islamisten die Muslime insgesamt in Mithaftung zu nehmen. In diesen Tagen aber ist alles anders. Gerade im aufgeklärten, sich selbst als progressiv empfindenden Teil der Öffentlichkeit scheint die Fähigkeit zur Differenzierung abhandengekommen zu sein. Nicht dort, wo es um Minderheiten geht. Aber dort, wo es um die Hälfte der Bevölkerung geht: Männer. […]
Nur, richtig machen kann Mann dabei nicht viel. Wer sich nicht äußert, hat ohnehin schon verloren, macht er sich doch durch sein Schweigen mitschuldig. Aber wer sich äußert, versucht wohl, Feminist zu sein – und ist allein dadurch schon verdächtig. Die Autorin Margarete Stokowski schreibt im Spiegel über dieses Dilemma der Männer, wobei sie folgert: Ein Dilemma gebe es nicht, es dürfte nur niemand mit Applaus für seine Äußerungen rechnen. Und: Da müssten die Männer eben durch. Doch sollen sich jetzt wirklich unschuldige Männer für ihr Mannsein geißeln? Und was bringt es überhaupt, wenn Unschuldige anstelle der Schuldigen ihre „Schuld“ bekennen – und die Schuldigen weitermachen wie bisher? […]
Aber Männer unter Generalverdacht zu stellen, ist sexistisch. Es dürfen nicht neue Regeln gelten, nur weil es gerade um Männer geht, die sich im woken Zeitgeist offenbar leicht abwerten lassen (und nicht um eine Minderheit, die es im woken Zeitgeist zu verteidigen gilt). […]
Überzogener Furor löst immer eine heftige Reaktion aus. So droht man Menschen zu verlieren, die man als Verbündete braucht.
Sara Maria Behbehani, sueddeutsche.de, 30.03.2026 (online)

