Marketingagenturen greifen immer stärker in redaktionelle Entscheidungen ein und durch Synergieeffekte wird die Anzahl der Rezensionen begrenzt […]
Eine „Rezension“, so Dirk Knipphals, Leiter des Ressorts Kultur bei der taz, könne sich in „Richtung Buchtipp bescheiden“ und in „Richtung Essay erweitern“. Die Entscheidung darüber treffen die Redaktionen und nicht die (meist freien) Kritikerinnen und Kritiker, die anders könnten und wollten, wenn man sie nur ließe. „Schlecht bezahlte arme Teufel“ (Hans Magnus Enzensberger), die nach Abgabe ihres Manuskripts auf den nächsten Zuschlag hoffen. In vier bis fünf Minuten wird im Wesentlichen der Inhalt eines Titels kolportiert, mit den immer ähnlichen Schlusssätzen: Es mache „Spaß“ den Roman „zu lesen“, weil er es „glänzend versteht, die Stimmung der Zeit“ und so weiter. […]
Der Takt von vier bis fünf Minuten für einen Magazinbeitrag entspricht offenbar der Aufnahmefähigkeit und Konzentration der Hörerinnen und Hörer. So jedenfalls schallt es aus vielen öffentlich-rechtlichen Kulturredaktionen. Den Kontrapunkt zu dieser Annahme setzt der Deutschlandfunk mit der täglichen Sendung Büchermarkt oder Andruck – das Magazin für Politische Literatur. Dass eine kurze Kritik Substanz haben kann und Argumente liefert, die dem Leser in seiner Entscheidung für oder gegen ein Buch Orientierung bietet, zeigte Andreas Bernard in seiner Replik auf die Bücher Eckart von Hirschhausens: „Wie funktionieren die Bücher von …“ (Spiegel Bestseller, Sommer 2025). Es liegt also nicht am Umfang, an Druckzeilen oder Sendeminuten, sondern daran, ob ein Kritiker sein Handwerk beherrscht, und an den Redaktionen, die das Wort „Service“ aus ihrem Kosmos streichen sollten. […]
Buch- oder auch Filmkritiken von bis zu fünf Minuten werden mit circa 300 Euro honoriert. Einen Beitrag höher zu honorieren, liegt im Ermessen der Redaktion. Worauf sich aber nur wenige prominente Kritikerinnen und Kritiker verlassen können. Einen Aufschlag von etwa 100 Euro bekommt der Rezensent, dessen Beitrag von allen ARD-Rundfunkanstalten kostenfrei abgerufen und ausgestrahlt werden kann. Den Profit machen ganz klar die Sendeanstalten. […]
Wer zugunsten digitaler Formate am linearen Programm spart und die ARD Audiothek mit den immer gleichen Beiträgen überflutet, grenzt ein, lässt weniger Meinungen und Argumente zu. Der Diskurs verflacht.
Herbert Hoven, literaturkritik.de (online)

