Gefragt wären linke Formate, die die Logik des neuen Medienökosystems akzeptieren und strategisch nutzen, statt sie zu beklagen.
Dass das möglich ist, zeigt in den USA zum Beispiel der Podcast Doomscroll. Der linke Host Joshua Citarella versteht jedes Gespräch, die auch bei ihm meist etwa drei Stunden lang sind, als einen Knotenpunkt im Empfehlungsalgorithmus. Das heißt: Wer einen kontroversen Gast einlädt, gibt ihm nicht einfach „eine Bühne“, sondern betritt auch dessen eigenen Empfehlungsfeed, zieht einen Teil seines Publikums mit und kann dieses Publikum anschließend auch zu anderen Inhalten bringen. Diese Strategie ist langfristig effektiver, denn politische Überzeugungsarbeit passiert nicht in einem einzigen Video, sondern über lange Zeit, durch Exposition.
Das Unbehagen über Berndts Format ist deshalb verständlich, aber es ist das falsche Gefühl zum falschen Zeitpunkt. Solange die Linke das neue Medienökosystem primär als Bedrohung begreift, überlässt sie es kampflos jenen, die es längst als Chance begriffen haben. Die Frage für diejenigen, die Höckes rechtsradikale Positionen nicht teilen, lautet deshalb nicht: Wie verhindern wir, dass so etwas wieder passiert? Sondern: Warum gibt es auf unserer Seite niemanden, dessen Gespräche drei Millionen Menschen sehen wollen?
Nils Schniederjann, Über Rechts, 06.05.2026 (online)

