Zitiert: Linke Formate in der Logik des neuen Medienökosystems

Gefragt wären linke Formate, die die Logik des neuen Medienökosystems akzeptieren und strategisch nutzen, statt sie zu beklagen.

Dass das möglich ist, zeigt in den USA zum Beispiel der Podcast Doomscroll. Der linke Host Joshua Citarella versteht jedes Gespräch, die auch bei ihm meist etwa drei Stunden lang sind, als einen Knotenpunkt im Empfehlungsalgorithmus. Das heißt: Wer einen kontroversen Gast einlädt, gibt ihm nicht einfach „eine Bühne“, sondern betritt auch dessen eigenen Empfehlungsfeed, zieht einen Teil seines Publikums mit und kann dieses Publikum anschließend auch zu anderen Inhalten bringen. Diese Strategie ist langfristig effektiver, denn politische Überzeugungsarbeit passiert nicht in einem einzigen Video, sondern über lange Zeit, durch Exposition.

Das Unbehagen über Berndts Format ist deshalb verständlich, aber es ist das falsche Gefühl zum falschen Zeitpunkt. Solange die Linke das neue Medienökosystem primär als Bedrohung begreift, überlässt sie es kampflos jenen, die es längst als Chance begriffen haben. Die Frage für diejenigen, die Höckes rechtsradikale Positionen nicht teilen, lautet deshalb nicht: Wie verhindern wir, dass so etwas wieder passiert? Sondern: Warum gibt es auf unserer Seite niemanden, dessen Gespräche drei Millionen Menschen sehen wollen?

Nils Schniederjann, Über Rechts, 06.05.2026 (online)

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)