Zitiert: „Gute Dokus brauchen mehr als gute Budgets“

Es hat eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet kommerzielle Streamer wie Netflix dazu beigetragen haben, dokumentarischem Erzählen mit großen Stoffen, aufwendiger filmischer Umsetzung und innovativen Erzählformen neue Aufmerksamkeit zu verschaffen – und damit zu zeigen: Publizistischer Anspruch und große Unterhaltung müssen kein Gegensatz sein. Entsprechend hoch sind die Erwartungen: Dokumentarische Angebote sollen neue, jüngere Zielgruppen erreichen, Wissen vermitteln, Orientierung geben, gesellschaftliche Vielfalt abbilden, Desinformation etwas entgegensetzen und eine fundierte Meinungsbildung ermöglichen, ja sogar: die Gesellschaft im aktuellen Wandel zusammenhalten. Für öffentlich-rechtliche Sender sollen sie damit nicht nur deren Bildungsauftrag einlösen, sondern zugleich deren gesellschaftliche Legitimation stärken.

Eine erhebliche Verantwortung, die dem Genre da auferlegt wird – für Auftraggeber ebenso wie für Produzenten. […]

Wir Produzenten sollen Vermarktung und Distribution von Anfang an mitdenken: Wen wollen wir erreichen, auf welchen Plattformen und mit welchen zusätzlichen Inhalten? Social-Media-Begleitangebote müssen bereits in der Entwicklung berücksichtigt werden, nicht erst nach Fertigstellung des Films. Produzieren ist heute so viel mehr als nur die Herstellung eines Films, es ist eine ganzheitliche strategische Aufgabe.

Zugleich gibt es nicht die „Doku“. Das Spektrum reicht vom 90-minütigen Dokumentarfilm über die Dokuserie und die 45-minütige Fernsehdokumentation bis zum 30-sekündigen Erklärvideo auf TikTok. Das kurze Video kann Begleit-Content sein, aber genauso ein eigenständiges Angebot mit eigener Idee, Erzählweise und Zielgruppe. Beides erweitert unsere Aufgabe: Wir müssen einzelne Produktionen umfassender denken und unterschiedliche Formen dokumentarischer Vermittlung entwickeln und herstellen. […]

Diese Transformation erfordert erhebliche Anstrengungen und unternehmerischen Mut – und nicht zuletzt auch Innovationskapital.

Neue Kompetenzen und Arbeitsweisen aufzubauen, ist das eine. Damit daraus überzeugende Angebote entstehen, müssen wir heute auch ungleich mehr in die Entwicklung jedes einzelnen Projekts investieren. Lange vor einer Beauftragung recherchieren wir, gewinnen das Vertrauen von Protagonisten und entwickeln dramaturgische und visuelle Ideen. Wir prüfen, wie ein Angebot sein Publikum erreicht und wirtschaftlich realisiert werden kann. Je anspruchsvoller die Stoffe, Erzählformen und Distributionskonzepte, desto mehr Arbeit steckt in dieser Phase. „Better“ beginnt bei der Entwicklung, und Entwicklung kostet Geld.

Marcus Uhl, dwdl.de, 03.11.2026 (online)