Man möchte alle beglückwünschen, die immer und auch jetzt wieder genau wissen, was okay ist. Die genau wissen, was sich gehört, und was nicht und zwar für alle Zeiten, auch in Zukunft, wie schon immer in der Vergangenheit. Aber Sittenwächter und Puritaner waren schon immer nicht nur unsympathisch, sondern moralisch suspekt.
Aber wenn man sich über eines sicher sein kann, dann darüber, dass die Sitten und sozialen Maßstäbe von heute nicht die von morgen sind.
Übrigens: Welche Frage ist wichtig genug? Möglicherweise möchte eine Schauspielerin irgendwann im Nachhinein einen bestimmten Text nicht gesagt haben, weil er ihren Wertvorstellungen vollkommen widerspricht, ihrer politischen Auffassung; weil sie ihn für menschenfeindlich oder sogar menschenverachtend hält. Was dann?
Wann hat wer ein moralisches oder politisches Recht, um sich Eingriffe in ein veröffentlichtes Werk anzumaßen?
Was ist, wenn Künstler Mörder spielen oder Menschenhasser oder Neonazis? Dürfen sie dann im Nachhinein sagen: So möchten sie nicht dargestellt werden, so möchten sie nicht in Erinnerung sein?
Und aus welchem Grund glauben wir, dass Nacktheit wichtiger ist als irgendetwas anderes? Aus welchem Grund glauben wir, dass Haut wichtiger ist als Gesichter und Worte, dass Sex in der Kunst prekärer ist als Gewalt?
In einer Demokratie ist nur ein Standpunkt möglich: Die Kunst ist frei und muss es bleiben. Der Kunst ist fast alles erlaubt. Der Künstler entscheidet. Sonst niemand. Er entscheidet allein nach seinen persönlichen Maßstäben. Und es ist schlimm genug, wenn Künstler selbst ihr Werk nachträglich verändern oder negieren.
Rüdiger Suchsland, Telepolis, 04.06.2026 (online)

