Sie haben grundverschiedene Stärken. Und es wird allerhöchste Zeit, das nicht nur zu begreifen, sondern auch konsequenter umzusetzen.
Deutsche Sendergruppen haben im Grunde genommen ein Ressourcenproblem mit Ablaufdatum: Linear schrumpft, Streaming wächst, irgendwann kippt es ganz – aber bis dahin muss man beides bedienen, ohne sich kaputtzumachen, während Netflix & Co. mit höheren Budgets konsequenter planen können.
Das heißt nicht, dass Linear kein vielfältiges Programm mehr anbieten kann. Aber es heißt, dass lineares Fernsehen Mut zur Konvention braucht. Nicht langweilig im schlechten Sinn – aber so, dass es seinem verbliebenen Publikum das gibt, was es dort sucht. Während die kreative Energie, die Risikobereitschaft, die Genre-Experimente konsequent ins Streaming fließen. Zumal das schon heute mehrheitlich der Nutzungssituation entspricht, die Medienstudien abbilden. Wer anders handelt, verbrennt bloß Sendeplätze und Geld.
Gleichzeitig muss es darum gehen, die Stärken des Linearen besser zu nutzen. Klassisches Fernsehen funktioniert 2026 vereinfacht gesagt in zwei Modi. Frühmorgens, tagsüber und vorabends ist es schon jetzt – ohne das schlechtreden zu wollen – Berieselung, Nebenbei-Medium, Gewohnheit im Alltag: Frühstücksfernsehen, „Volle Kanne“, „Deko-Queen“, „GZSZ“. Abends erfüllt das Medium teilweise eine ähnliche Funktion. Dazu gibt es dort aber einen zweiten Betriebsmodus: das Spektakel.
Genau das nutzt das ZDF, wenn es wie angekündigt im November „Wetten dass..?“ mit den Kaulitz-Brüdern als Gastgeber neu auflegt – ein ebenso nachvollziehbarer wie genialer Schachzug. Der auch junges Publikum locken wird, weil das Lineare an diesem Abend konsequent seiner Highlight-Funktion gerecht zu werden verspricht. Alle wollen sehen, wie das wird. Die wenigsten werden sagen: Ach, schau ich mir vier Tage später nochmal in aller Ruhe im Stream an.
Was auf jeden Fall nicht funktioniert, ist ein dritter Modus dazwischen: aufmerksamkeitsintensive Streaming-Inhalte auf Sendeplätzen, die niemand aus der Zielgruppe mehr bewusst einschaltet. „Oderbruch“ um Mitternacht ist Programmplanung als Selbstberuhigung.
Peer Schrader, dwdl.de, 14.02.2026 (online)

