Also sozusagen die Kardashianisierung der Politik. In der Aufmerksamkeitsökonomie beherrscht er die wichtigste Disziplin: Ständig und penetrant die gesamte Bandbreite der Aufmerksamkeit der Menschen zu belegen. Dadurch hat er gewissermaßen eine Standleitung in ihr Gehirn. Weil Trump der Inbegriff der amerikanischen Kultur ist, nämlich des Nihilismus, Materialismus und Narzissmus, fruchten seine Botschaften bei einem Teil der Bevölkerung, der ähnlich gestrickt ist wie er. Die Tatsache, dass er seine Präsidentschaft zu einem erheblichen Teil dem einflussreichen Reality-TV verdankt, ist die ultimative Manifestation dieser Kultur. Er versteht die Wirkung von Bildern, die Inszenierung von Spektakel. Er weiß instinktiv, welche emotionalen Trigger er auf welche Weise am besten aktiviert. Er hat federführend die Politik zu einer Realityshow umfunktioniert, bei der er fast jeden Tag mit einem neuen Cliffhanger aufwartet. Das bedeutet auch, dass er die Schockeffekte stetig weiter steigern muss, um die Menschen bei Stange zu halten, ob mit schockierenden KI-Videos, Beleidigungen und Provokationen oder Krieg. Er ist nicht da, um der Politik zu dienen, sondern die Politik hat ihm zu dienen – mit immer neuem Content.
Sandra Navidi, derstandard.at, 15.09.2026 (online)

