Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zu einem tiefgreifenden „Wandel der Vorstellung von Presse- und Meinungsfreiheit. Wurde zuvor das Recht der Adressaten, der Zeitungsleserinnen, Fernsehzuschauer und Netznutzer*innen auf eine faktenbasierte, halbwegs neutrale und allgemein zugängliche Information, neben der Kommentare als solche gekennzeichnet bleiben. Als Grundlage der Meinungsfreiheit angesehen, so wird von nun an unter Meinungsfreiheit das Recht der Lanal-Eigner (vom Hassprediger im Talk-Radio über Rupert Murdochs Sebderkette bis hin zu Plattform-Korsaren wie Elon Musk) angesehen, die Welt mit allem zu überschwemmen, was ihnen genehm ist und jedes Widerwort zu überbrüllen oder stummzustellen. Die „Meinungsfreiheit“ ist vom Empfänger auf den Sender, und dass heißt auch von der Gesellschaft auf die ökonomische Macht übergegangen. „X“ profitiert von den Versendern von Hassbotschaften und ist zugleich Medienvehikel für einen Zusammenschluss von Politik und Ökonomie, der um der Demokratie willen gerade zu verhindern wäre. Anstelle des Prinzips von checks and balances ist das der ungehemmten Komplizenschaft getreten: Taktische Oligarchen-Ehen wie die von Trump und Musk können an demokratischen Strukturen gar nicht mehr interessiert sein. Die Meinungsfreiheit ist „privatisiert“, wie es der Neoliberalismus nun einmal vorsieht. So konnte aus einer komplex austarierten Konsens-Maschine eine mediale Mechanik der Spaltungen werden: Die Massenmedien werden zu jenen „Echokammern“, in denen sich Erzählungen und Stimmungen nur noch verstärken. Konservative und Liberale haben nicht nur verschiedene „Meinungen“, sie leben in verschiedenen Bild- und Sprachwelten. Und aus den Buzzwords und Behauptungen der globalisierten Reaktion, die sich zugleich habituell normalisiert und suchtdynamisch radikalisiert habe, formte sich so eine zwar im einzelnen volatile und konfuse, im Ganzen aber stählerne rechte Welterzählung. Kaum etwas an Kultur, Pop oder Information, was noch außerhalb des Sogs der rechten „Blase“ geschähe. Und alles andere ist aus der Innenperspektive nicht mehr „weit weg“ oder „nebendran“, sondern undenkbar, unvorstellbar, feindlich. Der Angriff auf meine Blase ist ein Angriff auf meine Wirklichkeit ist ein Angriff auf mein Leben.
Markus Metz, Georg Seeßlen: Blödmaschinen II. Die Fabrikation der politischen Paranoia. Suhrkamp. 2025. S 20 f.

