Ich möchte die These vorschlagen, dass die Funktion der Kunst im Wesentlichen darin besteht: eine falsche Wirklichkeit zu konstruieren und gleichzeitig Zugang zu Wahrheiten jenseits des Reichs der Erscheinungen zu ermöglichen. Die Kunst erlangt Wahrheit durch Illusion. […]
Die gewöhnliche Sprache sagt nicht die Wahrheit, weil sie den Fluss, das widersprüchliche und unaufhörliche Werden der Realität nicht zu fassen bekommt. Zweck der gewöhnlichen Sprache ist es, sich mit anderen zu verständigen, unsere Handlungen mit ihnen zu koordinieren. Deshalb muss die gewöhnliche Sprache die Realität zu stabilen Begriffen und toten Metaphern einfrieren. Die Kunst jedoch taut die althergebrachten Konventionen, Sprechweisen oder Bilder auf. Mittels ihres Stils verleiht die Kunst der Wahrheit wieder einen Halt, indem sie uns zu einem klareren Bewusstsein verhilft, gerade weil nur sie die Widersprüche der Erfahrungen und die Verschwiegenheit der gewöhnlichen Sprache erfassen kann. Nur wenn Erfahrung in Worten, Formen oder Farben gestaltet wird, können wir den Nebel durchdringen, der unsere Sicht für gewöhnlich verdeckt. Wir brauchen die Kunst auf dieselbe Weise und aus denselben Gründen wie die Wissenschaft: um uns unseres ununterdrückbaren Bedürfnisses nach Wahrheit zu vergewissern.
Gesellschaften lassen sich in vielen Dimensionen unterscheiden, ob sie demokratisch oder autoritär, religiös oder säkular sind, nicht weniger wichtig aber ist die Unterscheidung zwischen Gesellschaften, die nach Wahrheit streben, und solchen, die das aktiv verhindern.
Eva Illouz, sueddeutsche.de, 25.01.2026 (online)

