Die KI-Invasion redaktioneller Routinen beginnt dort, wo der Widerstand gering ist: im Wetter, im Verkehr, in Serviceformaten, in standardisierten Meldungen, im Sport. Gerade deshalb ist sie so folgenreich. Sie beginnt an den Rändern des Journalismus und rückt allmählich ins Zentrum vor. Mit jeder neuen Routine verschiebt sich die Vorstellung dessen, was als unverzichtbar journalistische Aufgabe gilt.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Redaktionen KI nutzen, sondern wie sie es tun und, zugleich, welche Aufgaben sie nicht aus der Hand geben dürfen. Sobald Urteilsvermögen, Verifikation oder Verantwortung nur noch als menschliche Restgröße am Ende eines vorstrukturierten Prozesses übrigbleiben, beginnt das System zu kippen.
Jüngere Analysen zur KI-Resilienz zeigen, dass KI längst mehr ist als ein Werkzeug. Sie ist eine Infrastruktur, die bestimmt, wie Wirklichkeit hergestellt, sortiert und vermittelt wird. Wer sie einführt, verändert nicht nur Abläufe, sondern die Bedingungen von Öffentlichkeit selbst.
Die eigentliche Bedrohung durch KI ist also nicht, dass von Robotern ersetzt zu werden. Sie ist weitaus unspektakulärer, aber gerade deshalb riskanter. Der Journalismus schafft sich selbst ab. Nicht aus Bosheit, sondern eher aus Trägheit. Was derzeit wie eine willkommene Modernisierungsidee erscheint, kann sich schon bald als Entkernung der Demokratie erweisen. Denn der Wandel kündigt sich nicht laut an. Man muss ihn schon bemerken wollen.
Stephan Weichert, blog.medientage.de, 05.05.2026 (online)

