Dem Osten fehlen die Stimmen. Der Grund dafür liegt in jenem sehr kurzem Zeitraum rund um 1989 und 1990, in dem fatale Weichenstellungen erfolgten, die vermutlich nur von wenigen im Osten und Westen bemerkt wurden. Tatsächlich war – ich erlaube mir diese Zuspitzung -, was von manchem im Osten als Übernahme von Gesellschaft, Alltagskultur, Wirtschaft, Politik, Bildung und dem, was man das eigene Lebenswerk nennen könnte, empfunden wurde, vor allen Dingen eine Diskursübernahme. Die Anlage des öffentlichen Diskurses in der alten Bundesrepublik wurde, institutionell ermöglicht vor allen Dingen durch die Ausweitung der öffentlichen und privaten Mediensysteme vom Westen auf das ostdeutsche Staatsgebiet der neuen Republik, nun 1:1 zu dem der Berliner Republik. Damit aber befinden wir uns nicht mehr auf der diskurssemantischen Ebene, sondern auf der diskursstrukturellen.
Kersten Sven Roth: Ostdeutsch? Westdeutsch? Missverständnis! Warum wir eine andere Debatte brauchen. S. 147 f. (Zum Buch)

