Es steht fest, dass das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als „die Laberdekade“ in die Geschichte eingehen wird. Noch nie haben so viele Menschen ihre Gedanken, Gefühle, Erkenntnisse und/oder Verdrehtheiten akustisch festgehalten und diese Geräuschereignisse dann als Podcasts verbreitet. Podcasts sind im Prinzip das, was früher „Wortradio“ war, nur ist heute das Radio ein Telefon. Im Wortradio wurde meistens sorgfältig mit Ereignissen und Behauptungen umgegangen. […] Das irgendwie lockere Sprechen mit irgendwie lockeren Gesprächspartnern verleitet dazu, irgendwie locker mit der Wahrheit umzugehen. Aber was ist schon Wahrheit? Gewiss gibt es unter den Podcasts auch viel Hörenswertes, wozu natürlich alle Podcasts zählen, welche die Süddeutsche Zeitung herstellt. […]
Möglicherweise ist der Podcast als solcher auch der Beginn einer gesellschaftlichen Umwälzung im Sinne von Jürgen Habermas, der stets auf die Herrschaft des rationalen Diskurses gehofft hat. Wahrscheinlicher aber wird der Podcast dazu beitragen, aus dem Motto dieser Zwanzigerjahre ein gesellschaftliches Gesetz zu machen: Alle reden, keiner hört zu.
Streiflicht, sueddeutsche.de, 10.07.2026 (online)

