Die Netanjahu-Regierung nutzt den ESC als politisches Instrument. Fünf Länder boykottieren den Wettbewerb wegen des Krieges in Gaza. Ein Ausschluss Israels aber hätte gravierende Folgen für die dortige Medienlandschaft. […]
Denn die EBU stellt gewisse Grundanforderungen an ihre Mitglieder, sie dürfen etwa kein reines Unterhaltungsprogramm machen, sondern müssen auch journalistische Sendeanteile vorweisen, etwa tägliche Nachrichtensendungen einer unabhängigen Redaktion. Genau deshalb hinkt auch der Vergleich mit dem Ausschluss Russlands nach dem Angriffskrieg in der Ukraine: Dort sind Rundfunk und Regierung eng verflochten, von Unabhängigkeit kann keine Rede sein. Und, auch das gehört zur Wahrheit: In Europa war man sich sehr schnell sehr einig, wie mit Russland zu verfahren sei. Das ist bei Israel anders.
Ein Verlust der EBU-Mitgliedschaft würde Kan zerstören. Auf einen Schlag wären neben dem Song Contest auch noch die Übertragungslizenzen für Olympia und die Fußballweltmeisterschaft passé. „Diese Großereignisse sind mittlerweile zur Raison d’Être des Senders geworden“, sagt Schejter. Ohne sie wäre es für die Regierung ein Leichtes, seine Abschaffung zu begründen. […]
Auch wenn Kan seit der Reform durchaus konservativer geworden sei, berichte der Sender doch über Netanjahu und seine Regierung nach wie vor kritisch, sagt Scheijter. Etwa über die Korruptionsskandale. Das Ende des Senders wäre aus seiner Sicht ein Verlust für die israelische Medienlandschaft.
Klar: Den Ländern, die dem ESC dieses Jahr fernbleiben, dürfte es nicht um Voting-Verfehlungen oder ihr Misstrauen in den Sender Kan gehen. Ihr Boykott richtet sich gegen die israelische Regierung von Premier Netanjahu und deren mutmaßliche Kriegsverbrechen in Gaza.
Zu diesem Thema fällt Kan allerdings nicht mit kritischer Berichterstattung auf. In den israelischen Mainstream-Medien herrsche ein relativ breiter Konsens, dass man im Krieg nun mal zusammenhalte, erklärt Scheijter: „Die Medien hier sind mittlerweile einfach insgesamt rechter und militaristischer als noch vor zwei Jahrzehnten.“
Marie Gundlach und Leonard Scharfenberg, sueddeutsche.de, 12.05.2026 (online)

