Die öffentlich-rechtlichen Sender tun sich schwer dabei, gegen die Algorithmen der Plattformen und ihre kommerzielle Logik zu bestehen. Doch es gibt Auswege. […]
Kurz gesagt: Welche bürgerschaftlichen Eigenschaften sind für eine wirksame Selbstverwaltung erforderlich, und wie lassen sich diese Eigenschaften angemessen entwickeln und bewahren? […]
Der Hessische Rundfunk hat das getan, unter dem Titel „Was bewegt Dich, Hessen?“ vor zwei Jahren 39 repräsentativ ausgewählte Bürger ein ganzes Wochenende lang in einem Studio über Themen wie Migration, Pflegekrise, soziale Härten diskutieren lassen. Es war beeindruckend, mit welchem Ausmaß an Informiertheit und Reflektiertheit diese Zufallsbürger argumentierten, aber auch einen durchgehenden „Zweifel an der politischen Gestaltungskraft“ der Eliten äußerten.
Für zwei Tage waren sie ein Publikum – im kantianischen Sinne. Denn für den Philosophen Immanuel Kant ist Publikum nicht eine Menge von Konzertbesuchern und schon gar nicht von einzelnen Fernsehguckern oder Radiohörern. „Es ist (…) für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zu Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. (…) Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden immer einige Selbstdenkende, […] welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Wertes und des Berufs, jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten.“ […]
Diese kantianische Aufklärung funktioniert durch Ansteckung, im Reden am Tisch oder an der Haustür. Sie ist ein analoger Vorgang. Einer, der auf Augenkontakt setzt und auf Kontinuität […]
Solche analogen Situationen auch außerhalb der experimentellen Situation, nicht nur punktuell und als Ausnahme, darin läge vielleicht eine Zukunft öffentlich-rechtlicher Anstalten, die sich als „Institution zur Stärkung der Volkssouveränität“ verstünden. Es erforderte allerdings ein erweitertes Berufsbild des Journalisten: Er müsste sich als Öffentlichkeitsarbeiter verstehen und einen partiellen Exodus aus den vielleicht zu groß gewachsenen Funkhäusern, in Pop-up-Redaktionen in einem Landkreis etwa, in der Kuration von „dritten Orten“. Vielleicht auch in spektakulären Begegnungen der Bürger mit sich selbst.
Mathias Greffrath, taz.de, 27.05.2026 (online)

