Eine Tatsache ist auch, dass etwa 17% der Bevölkerung in Ostdeutschland leben. Von diesen werden (je nach Titel (Stand 2020) aber nur 2 bis 6% der überregionalen Pressepublikationen gekauft. Ob hier geringere Einkommen und in der Tendenz damit geringere Freizeitbudgets oder die fehlende Widerspiegelung eigener Positionen und Interessen die Ursache ist, dürfte schwer auszudifferenzieren sein. Da das Prinzip von Angebot und Nachfrage aber letztlich auch für den Markt der privaten Medienunternehmen zutrifft, ist dieses Nachfragedefizit in jedem Fall problematisch und hat das Potenzial, für die Unterrepräsentanz ein sich selbst verstärkender Prozess zu sein.
Umso größer ist jedoch die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Systems, genau die Pluralität von Meinungen, Positionen und Perspektiven über Ostdeutschland in die gesellschaftliche Debatte einzubringen und zum Gegenstand des gesamtgesellschaftlichen Wissens- und Erfahrungsschatzes zu machen. Die kontinuierliche Integration ostdeutscher Perspektiven in die Normalberichterstattung über Kultur, Wirtschaft usw. bietet die Chance, stärker anlassunabhängig die komplexen und oft widersprüchlichen Entwicklungen Ostdeutschlands abzubilden. Zugleich scheint aber auch der hier verwendete Begriff „ostdeutsch“ und „Ostdeutsche“ zunehmend ungeeignet, um ein differenziertes mediales Bild zu zeichnen. Die Differenzierung von Milieus, Generationen und regionalen Eigenheiten ist kontinuierlich vorangeschritten und braucht die entsprechende mediale Aufnahme, um Stereotype zu vermeiden.
Olaf Jacobs, MDR.de, 2025 (online)

