Der Journalist und Grimme-Preisträger Matthias Schmidt hat sich zuletzt in drei Filmen ausführlich mit der Wut in Ost und West befasst. Nun führt er seine Protagonisten noch einmal zusammen. […]
Dass Wut vor allem ein ostdeutsches Phänomen ist – diese Erzählung galt dem Westen lang zur moralischen Selbstberuhigung. Schmidt jedoch demontiert sie ohne agitatorischen Ton, allein durch Beobachtung. Denn auch im Ruhrgebiet trifft er auf Verunsicherung, Abstiegsangst, politische Entfremdung und soziale Erschöpfung. Der knarzig-sympathische Wirt Uwe Ziebuhr erzählt davon in eindrücklicher Weise. Das Zechensterben im Pott – er hat es hautnah miterlebt. […]
Mit diesen Filmen korrigiert Matthias Schmidt Wahrnehmungen, die schon lange nicht mehr der Realität standhalten, und Vorurteile, die mehr als überholt sind. Wer den Osten nur als Wutzone sieht, wird hier ebenso irritiert wie jene, die den Westen für immun dagegen halten.
„Wut – Eine Deutschlandreise“ zeigt, dass Wut in Deutschland keine Himmelsrichtung kennt. Sie sitzt in Plattenbauvierteln ebenso wie in stillgelegten Zechen, in Biografien mit Wendebrüchen ebenso wie in den bröckelnden Sicherheiten einer Bundesrepublik, wie man sie aus den Achtzigern kennt. Und vielleicht beginnt Verständigung genau dort, wo man aufhört, sie regional zu sortieren.
Judka Strittmatter, berliner-zeitung.de, 13.05.2026 (online)

