Was wir aus dem Fall Relotius für den Journalismus lernen können

Der große Medienskandal ist noch immer nicht ganz aufgeklärt. Den Journalismus wird der Fall des früheren Spiegel-Reporters Claas Relotius noch eine ganze Zeit verunsichern.

Was wird bleiben? Was können wir wirklich aus diesem Fall lernen? Zunächst mal eines: Dass Journalismus viel stärker aus gegensätzlichen Imperativen besteht als bisher angenommen. Er soll strahlende Persönlichkeiten hervorbringen, aber zugleich von bescheidenen Teams abgesichert werden.

Komplizierte Quellenlagen müssen erläutert werden, die Texte aber zugleich lesbar und verständlich sein. Die Geschichten sollen glaubwürdig sein, aber zugleich unglaublich schön. Wenn diese Gegensätze nicht da wären, gäbe es keinen Fall Relotius, passierten viele andere Fehler nicht, dann müsste man bloß ein Regelbuch abarbeiten. Aber so ist dieses Handwerk nicht. Journalismus steht unter Spannung.

Das gilt weit über den Fall Relotius hinaus. Zum Beispiel hat sich das Spannungsverhältnis zwischen Geschwindigkeit und Sorgfalt zuletzt gerade dort verstärkt, wo die Redaktionen Zugriffszahlen in Echtzeit auf die Bildschirme bekommen – eine Live-Quote, gegen die die alte TV-Quote wie eine gutmütige Großtante wirkt. Die Zugriffszahlen bringen Redaktionen dazu, Titel und Teaser zuzuspitzen. Zuspitzung und Differenzierung, das ist gleich das nächste Spannungsverhältnis, und es besteht nicht nur in der Aktualität, sondern auch in aufwendigen Reportagen.

Es herrscht auch eine Spannung zwischen Glaubwürdigkeit und Lesegenuss eines Beitrags. Ein Text ist ein Genuss, wenn man sich nicht hindurchquälen muss, sondern er wie ein Fluss dahinrauscht. Er kann schnell fließen, weil die Sprache stark ist und die inhaltliche Fallhöhe hoch, aber auch, weil alles beiseite geräumt wurde, was bremst: Quellenangaben, Einschränkungen, irritierende Widersprüche oder Erläuterungen der Recherche. Sie helfen der Glaubwürdigkeit, aber sie behindern den Lesegenuss.

Georg Löwisch: Was wir aus dem Fall Relotius für den Journalismus lernen können. Journalist.de, 12.03.2019 (online)

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Spitzenvertreter von ARD und ZDF – darunter WDR-Intendant Tom Buhrow, der seit Januar 2020 ARD-Vorsitzender ist, BR-Intendant Ulrich Wilhelm, ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab und ZDF-Intendant Thomas Bellut wie auch Vorsitzende von Senderaufsichtsgremien wie der WDR-Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber – erklären, die Rundfunkbeitragshöhe läge in der aktuellen Periode 2017 bis 2020 real bereits bei 18,35 Euro (inklusive LMA-Anteil). Doch dies trifft, wie schon angeführt, nicht zu. Berücksichtigt man die bereits genannten Faktoren, läge die reale Beitragshöhe niedriger als 18,35 Euro; geschätzt dürften es etwa 18,20 Euro sein – doch auch dieser Betrag spiegelt noch nicht die reale aktuelle Beitragshöhe wider.   Volker Nünning, Medienkorrespondenz, 18.02.2020 (online)    
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